Behind The Scenes: Wie die fischer Produkte von morgen entstehen

10. Juni 2020

Mit dem grauen S-Dübel, 1958 zum Patent angemeldet, gelang fischer auf dem Befestigungsmarkt der Durchbruch. Bis heute hat sich der klassische Spreizdübel auf seinem Gebiet bewährt. Dabei geht moderne Befestigungstechnik längst weit darüber hinaus: Für jeden Anwender, jeden Baustoff und verschiedenste Anforderungen gibt es von fischer eine passende Lösung. Und wenn nicht, wird sie gefunden. Die Frage ist nur: wie?

Rainer Fischer ist Bereichsleiter der Business Unit Kunststoff, wo sich die Entwicklungsexperten von fischer täglich dieser Frage stellen. Im Interview erzählt er uns, wie bei fischer die Produkte von morgen entstehen.

Rainer Fischer, Bereichsleiter der Business Unit Kunststoff bei fischer.
Rainer Fischer ist für die Entwicklung neuer und die Weiterentwicklung bestehender Produkte und Sortimente verantwortlich.

Rainer Fischer

Rainer Fischer (51 Jahre) arbeitet seit mehr als 25 Jahren beim Befestigungsspezialisten fischer. Nachdem er Anfang der 1990er-Jahre im Bereich Mechatronik/Feinwerktechnik seine Diplomarbeit erstellt hatte, startete er bei fischer als Entwickler. Seitdem beschäftigt er sich mit Befestigungslösungen aus Kunststoff. Im Jahr 2000 übernahm er die Leitung der Abteilung Entwicklung Kunststoffdübel und 2013 die Position des Bereichsleiters der Entwicklung Kunststoffdübel, Technischer Service und Prüffeld am Standort Tumlingen. Insgesamt war er bereits an mehr als 170 Projekten beteiligt, die bei fischer realisiert wurden. Seit Oktober 2019 verantwortet er die Business Unit Kunststoff.

„Ohne Kreativität geht gar nichts“

Herr Fischer, wie muss man sich Ihre Abteilung vorstellen? Sind Ihre Mitarbeiter vergleichbar mit dem „Erfinder“ Daniel Düsentrieb, der im kleinen Kämmerlein vor sich hin tüftelt?

Rainer Fischer: Nein, wir sind eine bunt gemischte Abteilung. Bei uns sind alle möglichen Altersklassen, Charaktere und Berufsgruppen vertreten: Ingenieure, Bautechniker, Mechatroniker, Maschinenbauer, Bauingenieure und Designer. Dabei kommt es auf die Kreativität genauso an wie auf die Ausbildung und die Teamfähigkeit. Unser hoher Anteil an Patenten gibt uns dabei Recht. Er liegt zehnmal höher als der Industriedurchschnitt.

Und wie steht es um das „stille Kämmerlein“?

Rainer Fischer: So klein ist das Kämmerlein nicht. Unsere Business Unit besteht aus den Bereichen Produktmanagement, Prüffeld, Entwicklung und Technischer Service mit insgesamt knapp 40 Mitarbeitern. In unserem Großraumbüro sitzt der Entwickler mit dem Produktmanager Tisch an Tisch. So können die Anforderungen vom Markt oder auch Rückmeldungen vom Entwickler ohne Umwege direkt kommuniziert werden. Im selben Gebäude haben wir die Werkstatt, das Labor und die Prüfhallen mit über 30 verschiedenen Prüfmaschinen, wo wir unsere Prototypen testen können.

Ein Entwickler und Produktmanager begutachten den aktuellen Stand in der Produktentwicklung.
Denken und arbeiten ohne Schranken im Kopf. In der Ideen-Schmiede sitzen Entwickler und Produktmanager Tisch an Tisch.

Aber wie entsteht überhaupt eine neue Idee?

Rainer Fischer: In Summe gibt es für die Entwicklung vier verschiedene Inputs. Unser Inhaber, Professor Klaus Fischer, steuert vor allem strategisch wichtige Projekte ein. Andere Ideen entstehen aus der Intention heraus, unsere Marktführerschaft weiter auszubauen. Aber auch Ergänzungen und Aktualisierungen für das bestehende Produktportfolio stellen einen Entwicklungszweig dar. Und nicht zuletzt fordern kundenbezogene Projekte unsere Kreativität und Expertise. Hier entwickeln wir zusammen für die Anforderungen unserer Kunden individuelle und passende Lösungen für deren Anwendung.

Die 4 Ideen-Inputs

  • Aus Geschäftsführer-Sicht: Seit 40 Jahren steht Professor Klaus Fischer als leitender Inhaber an der Spitze des Unternehmens und kennt das Fachgebiet in- und auswendig. Über ihn werden für die Firma wichtige strategische Projekte eingesteuert, die für die unternehmerische Zukunft und neuen Geschäftsbereiche notwendig sind.
  • Aus Marktführer-Sicht: Als Befestigungsexperte kennt fischer den Markt genau. Immer die Fragen im Blick: Wohin geht die Entwicklung? Was tut sich auf dem Baustoffmarkt und wie verändert sich dieser? Daraus generiert die Business Unit Kunststoff stets neue, intern getriebene Produktideen wie z.B. die erfolgreichen DUOPOWER-Produkte.
  • Aus Portfolio-Sicht: Die Produktwelt von fischer ist riesig. Ist ein Produkt in ein gewisses Alter gekommen und passt z.B. rein funktionell nicht mehr, benötigt es ein Facelift. Ein verändertes Wettbewerbsumfeld, geänderte Handwerkergewohnheiten oder neue Baumateralien sind hier oft der Auslöser. Dabei sind auch die Inputs von Kunden und Märkten weltweit und über die fischer Landesgesellschaften von Bedeutung.
  • Aus Kunden-Sicht: fischer ist bekannt dafür, für jedes Problem die passende Lösung zu finden. Das macht das Unternehmen auch im Bereich der customized Produktentwicklung so erfolgreich: Viele große Kunden wenden sich mit konkreten Befestigungsproblemen an fischer und bekommen hier eine maßgeschneiderte Lösung.

Von der Idee zur Serienfertigung

Wenn die Idee oder das Problem benannt wurde, wie arbeiten die Entwickler dann damit?

Rainer Fischer: So unterschiedlich unser Team ist, sind es auch die Herangehensweisen. Manche grübeln lieber alleine, andere bevorzugen ein Brainstorming in der Gruppe oder Ähnliches. Der Entwickler beginnt dann mit der dreidimensionalen Entwicklung im CAD-Programm, wo er die entsprechenden Teile gestaltet und direkt an den 3D-Drucker senden kann.

Der Entwickler bearbeitet mit Hilfe eines CAD-Programms einen 3D-Entwurf am Computer.
Der erste Entwurf für ein neues Produkt entsteht meist am Computer. Hier konstruiert ein Entwickler mit Hilfe eines CAD-Programms (computer-aided design) ein dreidimensionales Modell.

Und wie geht es weiter?

Rainer Fischer: Unser Produktentstehungsprozess hat fünf Phasen: Aufbereitungsphase, Grundlagenuntersuchungsphase, Entwicklungsphase, Realisierungsphase und Markteinführungsphase.
Dazwischen befinden sich Meilensteine. Diese Meilensteine werden in einem regelmäßigen Produkt Policy Board von der Geschäftsführung freigegeben.

Wie lange dauert ein kompletter Entwicklungsprozess?

Rainer Fischer: Das hängt vom Produkt ab und kann von sechs Monaten bis zu zwei Jahren oder länger dauern.

Der 5-Phasen-Prozess

  1. Phase Aufbereitung: Das Produktmanagement sondiert den Markt entsprechend des Ideen-Inputs, um zu klären, ob eine Idee weltweit Potenzial hat. Denn nicht jede gute Idee findet gleich Akzeptanz im Markt.
  2. Phase Grundlagenuntersuchung: Im Lastenheft werden alle Informationen zusammengetragen, was das Produkt können muss. Es stellt den detaillierten Arbeitsauftrag für die Entwicklung dar. Daran orientiert fängt der Entwickler an, verschiedene Produkte bzw. Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, die immer wieder intern geprüft werden. Die Grundlagenentwicklungsphase wird von drei bis fünf weiteren Landesgesellschaften begleitet.
  3. Phase Entwicklung: Dabei wird der Prototyp zur Serienreife gebracht. Meist geht es hier auch in die Breite des Sortiments, z.B. verschiedene Größen. Die Phase ist abgeschlossen, wenn alle Daten und Merkmale so festgelegt werden konnten, dass man alles im 3D-Modell erfassen kann.
  4. Phase Realisierung: Das fertig entwickelte 3D-Modell wird an den Werkzeugbau und die Produktion übergeben, sodass die Serienfertigung beginnen kann.
  5. Phase Markteinführung: Die Produkte gehen in den Verkauf.

Produkte, die fast jeden Fehler verzeihen

Was macht die Entwicklung von fischer Produkten so besonders?

Rainer Fischer: Die oberste Prämisse bei fischer ist Qualität: Bevor wir ein Produkt auf den Markt bringen, muss es funktionieren und einen sicheren Halt bieten. Unsere Produkte werden von einem breiten Kundenspektrum benutzt. Daher müssen sie möglichst viele Montagefehler verzeihen können: egal ob ein wenig zu groß gebohrt wurde oder eine zu kleine Schraube verwendet wird oder die Schraube nicht ganz hineingedreht wurde etc. Deshalb gilt für uns ein hohes Sicherheitskonzept, damit unsere Produkte in der Anwendung „ewig“ halten.

Wie können Sie diese hohe Qualität gewährleisten?

Rainer Fischer: Um diesen Standard zu erreichen, investieren wir viel – aber es lohnt sich. Unser Dauerstandraum zeigt das sehr anschaulich. Dort bauen wir unsere Dübel ein und lassen sie unter Last permanent testen. Der älteste Dübel dort ist 43 Jahre alt. Seitdem hält er 160 Kilogramm. Das ist einzigartig und gibt es nur hier bei fischer. So eine Historie kann kein Marktbegleiter vorweisen.
Deshalb können wir mit Sicherheit versprechen, dass wir für mindestens 50 Jahre Halt garantieren.

Der Dauerstandraum im Entwicklungszentrum von fischer in Tumlingen.
Der ultimative Langzeit-Test: Im Dauerstandraum werden die Dübel unter Last verbaut und auf unbestimmte Zeit hängen gelassen.

Was wird die Zukunft in Sachen Befestigungstechnik bringen?

Rainer Fischer: Im Bereich Arbeitsweise und Prozesse beeinflusst uns die Digitalisierung. Die große Frage ist: Wie können wir die neuen Technologien und Möglichkeiten für unsere Produkte nutzen? Bei den Dübeln wird es unser Ziel sein, sie noch intelligenter zu machen. So wie es z.B. bei unseren DUO-Line Produkten der Fall ist, die je nach Baustoff selbst entscheiden, welche Funktionsweise sie nutzen. Das hängt auch von der Weiterentwicklung von Baustoffen ab. Hybridlösungen wie aus Kunststoff und Stahl werden zum Beispiel ein interessantes Feld sein.

Und wo liegt der Fokus?

Rainer Fischer: Ich denke, dass es vor allem darum gehen wird, dass die Produkte noch einfacher anzuwenden sind. Denn vermutlich werden immer weniger Menschen ein Handwerk erlernen und immer mehr Heimwerker selbst montieren. Zum Teil sind es Bauteile mit hohen Lasten.
Sicherheit steht deshalb an oberster Stelle, damit auch ungeübte Anwender gut damit arbeiten können.

Mehr Infos über alle Produktneuheiten von fischer findest du hier:

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